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Stechende Regentropfen

Kurzgeschichte: Stechende Regentropfen

Ein Blick aus dem Fenster kann vieles verraten.

Zum Beispiel, was er anziehen wird, welche Schuhe er trägt und ob er die grüne oder die schwarze Jacke aus dem Schrank holt.

Mit einem Blick aus dem Fenster lässt sich auch erahnen, wie sein Tag verlaufen wird. Was er macht, wohin er geht und wen er treffen wird.

Ein Blick aus dem Fenster verrät auch seine Gefühle. Er spürt das Wetter und das Wetter verändert ihn.

Heute fallen die Regentropfen als traurige Tränen vom Himmel. Dichte Wolken lassen das Licht und die Landschaft grau erscheinen. Die kleinen Tropfen kommen unscheinbar, hinterlassen kalte Stiche und waschen alles wieder ab.

Sein Blick wird ruhiger und weicher, als er aus dem Fenster sieht und beobachtet.

Der Regen gefällt ihm.

Er greift nach der schwarzen Jacke und den Gummistiefeln. Das dreckige Wetter scheint fast zu schade für das neu gekaufte Paar. Der bereits gepackte Rucksack ist schnell zur Hand und er verlässt das Haus, ohne noch einen letzten Blick zurück zu werfen.

Zu Fuß macht er sich auf den Weg.

Er hat bei Wetter dieser Art bereits viele Erfahrungen gesammelt. Zielgerichtet marschiert er entlang des Forstwegs, der ihn zur Landstraße bringen wird. Der Kies knirscht nass unter seiner Sohle. Sein Gang ist steif, aber auf eine seltsame Art rhythmisch.

Er hört ein Auto fahren und weiß, dass er bald sein Ziel erreicht haben wird.

Die Bäume lichten sich und die asphaltierte Straße schimmert in grauem Schein. Er geht ein Stück Richtung Norden. Die alten Reifenspuren waren vom Regen schon weggewaschen worden, doch ein lauter, knatternder Motor kündigt das nächste Auto an. Als es in Sichtweite kommt, beginnt er zu winken. Er fröstelt. Seine Jacke hält den Regen ab, aber die Kälte dringt bereits in sein Herz.

Mit leichten Schwierigkeiten wird der Wagen neben ihm zum Stillstand gebracht. Eine junge Fahrerin beugt sich vor und kurbelte das Fenster hinunter. „Kann ich Ihnen helfen?“

Er hebt den Kopf und blickt in ihre blauen Augen. „Ich muss in die Stadt. Kann ich ein Stück mitfahren? Dieser Regen erdrückt einen wahrlich.“ Auf ihr lächelndes Nicken öffnet er die Tür und setzt sich auf den Beifahrersitz. Der Wind trägt einige Regentropfen herein, die nasse Spuren auf ihrer engen Jeans hinterlassen.

„Vielen Dank“, wispert er und seine Augen leuchten intensiver als zuvor. Eilig kramt er in seinem Rucksack. Die junge Frau steuert konzentriert den Wagen auf der nassen Fahrbahn.
„Wie kommt es, dass Sie bei so schlechtem Wetter zu Fuß unterwegs sind?“, fragt sie den Blick nach vorne gewandt. Endlich hat er gefunden, was er benötigt.

„Regenwetter kann gefährlich sein. Da sollte man eigentlich nicht alleine im Wald unterwegs sein“, meint er. Stirnrunzelnd wendet sich die Frau zu ihm und blickt auf einmal in die Klinge eines scharfen Messers. Das Auto gerät ins Schwanken. Ihre Konzentration ist verschwunden, stattdessen wird sie von der Panik gepackt. Seine Stimme jedoch klingt gelassen und routiniert, als er sagt:

„In hundert Metern befindet sich ein Forstweg. Biegen Sie ab und folgen Sie dem Weg, bis ich zum Anhalten auffordere.“

Auf ihren Handflächen sammelt sich Schweiß. Zitternd lenkt sie den Wagen und wagt es nicht, ihren Beifahrer nochmals anzusehen.

„Bleiben Sie jetzt stehen.“ Seine harte Stimme duldet keine Widerrede.

Die Stille, als der Motor abgestellt wird, ist erdrückend. Nur die Tropfen sind zu hören, die mit dumpfen Schlägen auf das Dach prasseln.

„Regenwetter ist kein schlechtes Wetter für mich“, schmunzelt der Mann und spielt mit dem Messer. „Die kleinen Stiche des Regens können schmerzen, aber er wird alles wieder wegspülen.“
Ihre kalten Finger tasten nach der Autotür. Langsam rutscht sie im Sitz etwas zurück. Doch seinen scharfen Augen entgeht nicht die kleinste Regung.

Entschlossen richtet er sich auf und stürzt sich auf die schreiende Fahrerin.

 

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