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Windspiel

Windspiel

Der Wind trägt Sinneseindrücke zu mir herüber. Er schmeckt salzig, wie das Meer und erinnert an den Duft mediterraner Kräuter. Ich höre das Pfeifen und Brausen. Es versetzt mich an einen anderen Ort.

Mit dem Wind verbinde ich Erinnerungen. Sie sind gut versperrt in einer Schublade hinter der harten Wand meines Äußeren. Jahre trennen den Inhalt dieser Lade von dem, was ich heute bin. Der Wind wird fester und zerrt am Riegel. Tiefer steigt der Geruch in meine Nase und lauter wird das Rumoren.

Da bricht die alte Schublade auf und landet mit einem Scheppern auf dem Boden. Das spröde Holz bekommt Risse und lässt Erinnerungen wie Nebel auftauchen und über die Kanten gleiten.

Ich weiche einen Schritt zurück. Mein Rücken stößt gegen eine Wand und Holzfasern kratzen an meinem Pullover. Ich bin in meiner eigenen Schublade gefangen.

Die Nebelschwaden kriechen auf mich zu. Im Einklang mit dem Wind züngeln sie. Zitternd setze ich mich auf den Boden meiner Schublade und erwarte zusammengerollt den Einbruch meiner Vergangenheit.

Ich bin wieder sechs Jahre alt und gerade groß genug für meine Schultasche. Stolz trage ich sie auf schmalen Schultern den buckligen Weg entlang. Der Inhalt meiner Tasche ist schwer. Immerhin wusste ich nicht, was ich alles in der Schule brauchen würde. Und so wanderten Kochlöffel, Patchworkdecke und der Teddybär hinein. Nur auf die Stifte hatte ich vergessen, weshalb ich zurechtgewiesen wurde. Meine Freude, endlich zur Schule gehen zu dürfen, konnte mir aber nicht genommen werden.

Nach der letzten Kurve taucht unser Haus vor mir auf. Die Säulen lassen es noch monströser erscheinen und ich schrumpfe mit jedem Schritt ein wenig mehr. Zaghaft lege ich meine Hand auf die eiserne Türklinke. Das weiße Holz unseres Eingangs blättert langsam ab. Es wurde schon zu oft mit Schlägen misshandelt.

Als ich hineintrete und die Türe schließe, sperre ich den Wind und das Sonnenlicht hinaus. Drinnen wirkt es kälter, als die schöne Fassade vermuten ließe. Im Dunklen stolpere ich über drei leere Flaschen und werfe sie um.

Ich hatte gehofft, dass er es nicht hören würde. Ich hatte vermutet, dass er wieder bewusstlos auf dem Sofa schlafen würde. Dielen ächzen und kündigen sein Kommen an. Ich kann ihn schon riechen, bevor er in den Flur tritt. Die Bierkisten auf der Treppe versperren meinen Fluchtweg.

„Hast du meinen Wein ausgeschüttet?“ Das undeutliche Brummen lässt die Wände erzittern. Fast alle Vokale werden von seiner instabilen Stimme verschluckt.

„Die Flaschen waren schon leer“, flüstere ich, obwohl ich mir meines Versagens schon bewusst bin.

„Blödsinn!“ Seine Gestalt baut sich vor mir auf. Als er die rechte Hand hebt weiß ich, gleich wird meine Holzfassade zu splittern beginnen. Konzentriert versuche ich den Klang des Windes einzufangen. Ich stelle mir vor, wie er mich von hier wegtragen würde.

Mein Wunsch wird nicht erfüllt.

 

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